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Dachboden

Dachböden sind, wie Keller, meist nicht gut aufgeräumt. Im Gegensatz zu Kellern sind sie jedoch meist nur staubig und nicht muffig. Oft fällt durch ein kleines Fenster an der Stirnseite die Morgensonne auf längst vergessen Geglaubtes. 

Wir sind nicht oft hier oben, meist dann, wenn wir wieder etwas ablegen wollen und auf der Suche nach einem geeigneten freien Platz (Internet-Dachböden haben die magische Qualität der potentiellen Unendlichkeit) über etwas stolpern, es aufnehmen und uns prompt darin verlieren. Wenn wir dann die Klappleiter wieder heruntersteigen, ist die Sonne oft schon im Untergehen.


Geschichte(n) und Glossen

"Vorsicht" reicht nicht, um Sie abzuschrecken, wenn alles abdreht, ziehen Sie gerade los. Sie prüfen die Herdplatte durch Handauflegen auf ihre Temperatur, oder?

Also, letzte Warnung: Ab hier werden die Texte lang und in jeder Hinsicht politisch und auch sonst inkorrekt. Ab hier nehme ich keine Rücksicht mehr auf Ihre Zeit, wenn Sie beim Stöbern einen ganz wichtigen Termin versäumen, ist das nicht mein Problem.

Hier finden Sie Kunst, Kultur, Geschichten, Glossen, Respektlosigkeiten, Erfahrungen, Freundliches, Lustiges und wirklich Böses. Hierher verschieben wir alles, was wir vergessen haben oder wollen, aber eben nicht ganz. Vom Web zum cobweb. Das ist der Dachboden dieser Webpräsenz oder der Keller, ganz wie Sie wollen. Und Sie stehen schon auf der ersten Treppenstufe.

 

Ein elektrischer Mönch

Meist hat Kultur Vorsilben: wir sprechen von Unternehmenskultur und meinen damit die Summe aller Selbstverständlichkeiten in einem Unternehmen.

Unternehmenskultur ist das, was alle Unternehmensmitglieder verspotten dürfen (der Spott ist meist Teil dieser Kultur). Wehe aber dem Außenstehenden, der es wagte. Es gibt keine einfachere Methode, alle Träger dieser Unternehmenskultur gegen sich aufzubringen, gleich wie kritisch sie sich im internen Beziehungsgeflecht dagegen stellen. Wo dies nicht so ist, befindet sich das Unternehmen bereits im Niedergang, selbst wenn die Zahlen noch etwas anderes suggerieren.

Vielen Unternehmern und Managern ist dieser Zusammenhang suspekt, andere bestreiten ihn sogar. Meist steckt dahinter das Unbehagen über die Unfassbarkeit dessen, was wir Kultur nennen, die Vorstellung, Kultur sei eine amorphe und unbeeinflussbare Größe. Und doch werden Visionen formuliert und daraus Missionen abgeleitet, die am Ende für Außenstehende meist leicht verdichten lassen: Wir wollen besser, schöner, größer sein. Kultur ist also wichtig. Und die Kunst?

Über die Kunst gibt es ein weit verbreitetes Wissen, meist hört man, Kunst käme von Können - und das wird nicht selten als Vorwurf formuliert. Kunst ist - auch das ein schönes Paradox - was ich nicht gekonnt hätte. "Das hätte ich auch gekonnt" ist die ultimative Entkünstlichung durch Kritik, meist fällt dieses Beil einen modernen Maler.

Woher aber kommt Können? Da muss man ein bisschen weiter in die Vergangenheit: Können kommt von kennen, einer Sache teilhaftig werden. Vom griechischen Gnosis, der Erkenntnis, bis zum altenglischen cnow, "ich weiß", Kennen steckt in der Kunst. Die Bedeutungsverengung auf Artifizielles ist relativ neu.

Und so läuft es auf die Erkenntnis hinaus: Man sieht und hört nur, was man weiß.

Unter Kunst und Kultur wollen wir hier verstehen, was wir gern kennen würden: Die Bücher, für die wir keine Zeit haben, die Filme, für die wir zu müde sind, die Musik, die sie in der Oper spielen, während wir noch rasch eine Besprechung zu Ende bringen und das Dinner, dass wir jetzt gerne hätten - statt der in der Pappschachtel gelieferten Pizza.

Douglas Adams hat in seinem Buch "Dirk Gently's Holistic Detective Agency" den elektrischen Mönch vorgestellt, der alles das für uns glaubt, was wir selbst nicht glauben, ähnlich - so heißt es dort - wie der Videorecorder, der ja auch eigens erfunden wurde, um für uns die Filme zu sehen, für die wir keine Zeit haben.

Sie finden hier eine Mischung aus Videorecorder und elektrischem Mönch: In unregelmäßigen Abständen stellen wir Ihnen etwas vor, was im weitest denkbaren Sinne der Kultur zugerechnet werden kann. Ein Buch oder eine Idee, ein Orchester oder ein Veranstaltungshinweis. Sie finden dort Schönes, Ärgerliches, Nachdenkliches, Ausführliches und nur ganz ausnahmsweise einen Link, und wenn, dann nur als Ergänzung zu vollständigen Texten, denn Links sind auch so eine Möglichkeit, sich schnell aus der Erläuterung eigener Ideen zu stehlen.

Geschichte(n)

Geschichte(n) und Glossen Hier finden Sie: Arbeitsproben, erfolgreiche Texte und Bauchlandungen, große Ideen und vergebliche Liebesmüh, Erfahrungen, die wir teilen wollen. Wenn Ihnen die folgenden Seiten also etwas märchenhaft erscheinen - das ist die Form; die Geschichte selbst hat sich so oder so ähnlich zugetragen. Authentisch wird sie nicht dadurch, dass wir Ort und Namen nennen, sondern weil durch die Verfremdung ihr Gehalt übertragbar wird. In der Formulierung des Historikers Ferdinand Seibt:"Geschichte oder Geschichten? Bis ins 17. Jahrhundert galt im Deutschen der Plural noch für die sachlich geläuterte Darstellung [...]. Heute hält man aber gemeinhin im Deutschen "Geschichten" für weniger als "Geschichte" [...] und der Wahrheit des Fiktiven [...] trauen wir schon gar nicht über den Weg." Trauen Sie - wenn schon nicht unserer Geschichte über den Weg, dann sich selbst, ihn lesend zu beschreiten.

Glossar

Auch mit unserer zweiten Überschrift "Glossar" sehen Sie sich vielleicht getäuscht. Das Glossar ist inzwischen zum Synonym geworden für die zunehmende Notwendigkeit, zur eigenen Sprache immer auch ein eigenes Wörterbuch mitliefern zu müssen. Wir dagegen versuchen, uns so verständlich auszudrücken, dass wir das Glossar ganz ursprünglich als Sammlung von Glossen verstehen dürfen. Glossen waren einst erklärende Notizen am Rande schwer verständlicher Texte. So wollen wir unsere Glossen auch nicht nur als Spott, sondern als Notizen am Rande einer oft schwer verständlichen Zeit verstanden wissen. Jetzt hoffen wir nur, dass wir Sie nicht enttäuscht haben.


Erstmal anlesen?

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"Die Briefe eines klugen Mannes enthalten immer den Charakter der Leute, an die er schreibt". Wer außer Lichtenberg hätte diesen ersten Satz der Empathie so formulieren können. Lichtenberg kannte aber die E-Mail nicht.

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Geschichten erzählt

Wenn hinten, weit in der Türkei

Es war einmal ein Versicherungsunternehmen, das hatte zu Nutzen und Frommen seiner älteren Kunden ein Produkt entwickelt für die Zeit der Hinfälligkeit. Eines, das so gut war und vor allem so preiswert, dass es bedenkenlos auch ältere Menschen erwerben konnten. Sintemalen es nun nicht nur viele deutsche Grauköpfe gibt, sondern auch Muselmanen, einst aus dem Morgenlande angeworben, die sich nach langem Arbeitsleben lieber auf ein Altenteil an Rhein oder Rhön denn an Bosporus oder Ararat zurückziehen. Und also sollte ihnen offeriert werden eine Sicherheit für die Zeit, wenn das Zipperlein sie auf ihre Bettstatt gezwungen hätte. Da sie jedoch nur türkisch sprachen, mußten Händler gefunden werden, die dieser Zunge mächtig waren. Die gab es auch in großer Zahl. Aber was erhielten sie zur Antwort, als sie das großherzige Angebot überbrachten? "Dank Euch schön für Eure Mühe, aber wir haben eine große Familie, die wird für uns sorgen, wenn wir alt sind und auf den Tod liegen." Und so zogen die Händler unverrichteter Dinge von dannen. Die Geschichte hat natürlich eine einfache Moral: Es lohnt sich, eigene kulturelle Selbstverständlichkeiten vorab in Frage zu stellen, wenn man auf fremde Märkte -auch im eigenen Land - will. Nur wenig später konnte man lesen, dass es zwischen den türkischen Senioren und ihren Nachkommen großen Streit gab, da letztere nicht mehr bereit oder aufgrund ihrer beruflichen Situation nicht in der Lage waren, erstere zu pflegen.

Und hier hat die Geschichte ihre zweite Moral: In einer sich schnell verändernden Welt ändern sich auch Kulturen oft schnell. Was mir gestern schmerzhaft misslungen ist, kann morgen zur Basis meines Erfolges werden.

Frongraisch - Döitschland

Eine große Feier eines deutsch-französischen Konzerns in Deutschland. Zu trinken gibt es Wasser aus PET-Pfandflaschen und französische Weine. Am nächsten Tag ein gemischt-nationales Aufräumteam. Große Müllsäcke, die sich schnell füllen. Nach einer Weile wundern sich die Deutschen, dass sie kaum leere Wasserflaschen in die halbleeren Kästen bekommen. Es stellt sich heraus, dass die Franzosen die Plastikflaschen als Müll entsorgen, nachdem sie sie zuvor möglichst klein gequetscht haben. Die Franzosen wiederum überraschen einen Deutschen dabei, wie er die Reste aus Weinflaschen in den Ausguss schütten will. Sie zeigen ihm mit höflicher Empörung, wie man Weinreste derselben Herkunft durch Umschütten in einer Flasche sammeln und zum späteren Verzehr wieder verkorken kann. Was man darauf lernen kann?

Eine Menge!


50plus - als dieses Alter am Arbeitsmarkt vorübergehend unüblich war

Gibt es einen Arbeitsmarkt 50+?

Gibt es für Menschen ab 50 überhaupt einen Arbeitsmarkt?

Ein Viertel aller Deutschen ab 50 ist arbeitslos (Stand 2007). Glaubt man den öffentlichen Verlautbarungen fehlen schlicht Stellen.

Von 60.000 arbeitslosen Ingenieuren im Jahr 2005 war die Hälfte über 50. Gleichzeitig sucht die deutsche Industrie händeringend Ingenieure.  

In jeder Gazette kann man von Mittfünfzigern lesen, die sich viele hundert Male beworben haben und nie eingeladen, geschweige denn eingestellt wurden.

Bei jeder Ausschreibung wundern sich andererseits Personalchefs, dass sie so wenige Bewerbungen von Menschen über 50 bekommen, selbst wenn sie diese Zielgruppe sogar deutlich zur Bewerbung aufgefordert haben.

Wie passt das alles zusammen?

Eben! Es passt nicht zusammen. Meine Erfahrung ist, dass gerade Bewerber über 50 in vorauseilender Hoffnungslosigkeit sich entweder gar nicht mehr bewerben oder auf wohlfeile Rezepte setzen, die schon für 25jährige zweifelhaft sind.

Statt die Vorzüge der eigenen Erfahrung und Persönlichkeit zu nutzen, schreiben sie Standardbewerbungen oder erstellen Lebensläufe, die sofort abschrecken. Oft genug auf Anraten von Bewerbungstrainern, die ihr Wissen aus mindestens so zweifelhaften Büchern haben. Da wird der ewig gleiche Unsinn erzählt: Lebensläufe müssten lückenlos sein, man dürfe ein Anschreiben nicht mit "ich" beginnen und was es sonst an unsinnigen Überlieferungen gibt. Da geben Trainer Formulierungen vor und schwadronieren gleichzeitig von Originalität.

Aber machen wir uns nichts vor: Wer sich in diesem Alter noch einen solchen Bären aufbinden lässt, der kann das nicht allein anderen anlasten.

Natürlich haben sich viele Ältere in ihrem Berufsleben noch nie ernsthaft bewerben müssen. Wer in den 70er Jahren des letzten Jahrhunderts mit der Ausbildung fertig geworden ist oder ein Studium absolviert hat, der brauchte oft nicht sehr viel mehr als einen Anruf oder einen - oft noch handgeschriebenen - Brief und schon hatte er eine Anstellung. Und damals war es oft auch noch selbstverständliche Gewissheit, dass man bis zur Rente beim selben Arbeitgeber blieb.

So haben die meisten wenig unternommen, um arbeitsmarktfähig zu bleiben. Fatal daran ist, dass ein solches Verhalten nicht nur am externen Arbeitsmarkt schwächt. Wenn im eigenen Unternehmen Personal reduziert wird, werden alle Arbeitgeber gezielt die zu entlassen versuchen, deren Zukunftsfähigkeit am geringsten ist.

Also selbst schuld? So einfach ist es auch nicht. Denn natürlich haben die Arbeitgeber in den letzten Jahrzehnten gezielt Ältere abgebaut, zum Teil aufgrund absurder Zurechnung von Mängeln, die von der Wirklichkeit kaum belegt werden. Und die Politik hat ein übriges getan, mit Vorruhestandsregelungen, die im Bewusstsein der Allgemeinheit jeden Frühfünfziger zum Auslaufmodell machte. Mit Subventionen für die Einstellung älterer Arbeitnehmer, die die Botschaft verbreiten, dass solche Mitarbeiter sich überhaupt nur subventioniert rechneten.

Es gab eine große Koalition aller Beteiligten, die zu der Misere geführt haben, wie wir sie heute vorfinden. Nun sollten auch alle das gemeinsame Interesse haben, sie zu beheben.

Aber gelingen kann das nur, wenn jeder der über 50 ist und ernsthaft an Arbeit interessiert ist, auch wirklich alles unternimmt, um sie zu bekommen. Und da ist es nicht damit getan, immer wieder dieselbe Bewerbung zu verschicken und sich anschließend darüber zu beklagen, das man keine Chance bekäme. 

Es gibt den Arbeitsmarkt, auch für 50jährige, ich erlebe das jeden Tag persönlich. Wenn ich die Stellen hochrechne, über die ich jeden Tag informiert werde, überlege, was das deutschlandweit heißen müsste, dann kann ich aus eigenem Erleben sagen: es gibt die Stellen. Aber ich weiß aus demselben eigenen Erleben heraus, wie extrem schwierig es ist, diese Stellen adäquat zu besetzen, auch und gerade mit Menschen über 50.

Das Projekt JOBaktiv 50+ (2006)

Ständig einige zig oder gar hundert gemeldete offene Stellen und jeweils mindestens noch einmal so viele, die keine offizielle Statistik erreichen: Die mehr als 70 Call Center der Region Nürnberg bieten zahlreiche Arbeitsplätze, insgesamt beschäftigen sie weit über 10.000 Menschen.

Und doch bleibt es schwierig, Mitarbeiter zu finden. Denn nur Menschen mit überdurchschnittlichen sozialen und kommunikativen Fähigkeiten eignen sich für die Tätigkeit. Alter ist dagegen kein Problem: Die Call Center suchen Mitarbeiter jeden Alters, schließlich gibt es nicht nur jüngere Kunden.

2005 habe ich im Auftrag des Customer Quality Network Nürnberg und Region e.V., dem Zusammenschluss der Qualitäts-Call Center der Region, das Projekt JOBaktiv50+ entwickelt. Als Teilprojekt des Pakt 50 für Nürnberg hat es zwei Ziele: ALGII-Empfänger ab 50 für die freien Stellen zu gewinnen und ihre Arbeitsmarktfähigkeit, neudeutsch auch employability, nachhaltig zu sichern.

Und so sieht das Projekt aus, das zunächst bis 9/2007 läuft: Vermittler der ARGE Nürnberg wählen geeignete ALG II-Empfänger aus, die über fließendes Deutsch, eine klare Aussprache und mindestens Grundkenntnisse am Computer verfügen. Wer eine kaufmännische Ausbildung oder entsprechende Berufserfahrung mitbringt, hat noch bessere Chancen.

Geeignete Bewerber werden in ein Praktikum bei einer der teilnehmenden Firmen zu vermitteln. Nach rund vier Wochen Grundausbildung durch die Firma teilt sich die Woche in drei Tage Praxis im Unternehmen und in zwei Tage Training bei den beruflichen Fortbildungszentren der bayerischen Arbeitgeber (bfz).

Nach neun Monaten Praktikum haben die Praktikanten alle Kenntnisse, um bei der IHK einen externen Abschluss für den Ausbildungsberuf "Servicefachkraft für Dialogmarketing" erfolgreich bestehen zu können.

In Informationsveranstaltungen werden diese Bewerber durch die Projektgruppe über die vielfältigen Tätigkeiten im Call Center informiert. Denn fehlendes Wissen oder Vorurteile sind die Hauptgründe für die geringen Bewerberzahlen.

In kurzen Auswahlgesprächen werden Eignung und Motivation geprüft. Zum Teil muss diese Motivation erst geweckt werden. (Die Vorstellungen von der Tätigkeit im Call Center werden viel zu oft von den zwar medienträchtigen aber relativ zur Gesamtzahl der Call Center doch seltenen Bösen Buben der Branche bestimmt, die Menschen, die das nie bestellt haben, mit Lotterielosen oder dubiosen Finanzanlagen belästigen.)

Wer nach dem Erstgespräch weiter dabei ist, erhält ein Coaching von einem halben Tag. Dabei wird er gezielt auf die Vorstellung bei Praktikumsfirmen vorbereitet. Je nach individuellem Bedarf folgen noch Einzelgespräche.

Innerhalb des Coachings wird ein Bewerbungssatz gebildet. Jawohl, ein Satz für 50 und mehr Jahre, denn die Bewerbungsunterlagen werden den teilnehmenden Firmen zunächst vorenthalten. Es hatte sich gezeigt, dass die größte Hürde für die Altersgruppe die eigenen Unterlagen sind, die in der Vergangenheit meist ohne weiteres Ansehen der Person zur Ablehnung geführt haben.

Mehrere Firmenvertreter und mehrere Bewerber lernen sich also zunächst von Angesicht zu Angesicht kennen. Die Firmenvertreter bekommen zu diesem ersten Treffen nur den Namen der Bewerber und die ein oder zwei Sätze zur Person. Starke Sätze darunter, die die Kandidaten einzigartig und unvergesslich machen. In einer kurzen Vorstellungsrunde kommen zunächst die Firmenvertreter und dann die Bewerber zu Wort. Auf dieser Basis laden die Firmen die Bewerber ein, die ihnen besonders interessant erscheinen. Das führte von Anfang an bei sehr vielen Bewerbern zu Vorstellungsrunden in mehreren Firmen und in einigen Fällen zu bis zu drei Angeboten, aus denen die Bewerber auswählen konnten.

Dabei ist das firmeninterne Auswahlverfahren so streng wie bei jedem anderen Bewerber auch: Die Firmen wollen ihre Praktikanten im Anschluss an das Praktikum fest übernehmen wollen.

Zum 1. März 2006 haben die ersten ALG II-Empfänger in insgesamt vier Firmen mit dem Praktikum angefangen. Schon nach kurzer Zeit waren und sind die Rückmeldungen der Firmen und der Praktikanten ausgesprochen positiv.  

Während der Projektlaufzeit bis September 2007 sollen insgesamt 50 Praktikanten das Programm durchlaufen. Die IHK Nürnberg hat im Mai und Juni 2007 eine erste vorgezogene Prüfung für die ersten Absolventen der Maßnahme durchgeführt, alle haben bestanden, alle sind - zum Teil schon seit über einem halben Jahr - in Lohn und Brot, sozialversicherungspflichtig beschäftigt.

Ein Wort zur Nachhaltigkeit, von der heute so gern gesprochen wird: Natürlich gibt es auch in der Call Center Branche Veränderung, auch Call Center können geschlossen, zusammengelegt, verlagert werden. Aber genau hier setzt die Nachhaltigkeit dieses Projektes an: Auch Absolventen, die ihren Arbeitsplatz verlieren, können mit der erfolgreich abgelegten Prüfung guter Dinge sein. Mit dieser Ausbildung und Berufserfahrung sollte sich eine neue Stelle finden lassen.

Verwandte Themen:  50+

Geschichten erzählen - immer wieder!

Nichts Besonderes?

Ich sitze bei bestem Wetter mit neun Teilnehmern in einer Coachingrunde. Es geht darum, sie auf eine Bewerbung mit interessierten Arbeitgebern vorzubereiten. Die jüngste ist gerade 50 geworden, der älteste ist 58. Sie hatten nicht geglaubt, dass sie wirklich zu Vorstellungsgesprächen eingeladen werden würden. Jetzt, da sie eingeladen sind, hat sich ein Gefühl der Bedrohung eingestellt. Ich bitte sie, zunächst in ein paar Worten aufzuschreiben, was sie in ihren eigenen Augen für einen zukünftigen Arbeitgeber außergewöhnlich mache.

Wie immer beginnen zwei oder drei ohne weiteres mit dem Schreiben. Die übrigen schauen in die Ferne. Auf meine Frage, was das Problem sei, kommt die auch schon bekannte Antwort: An mir ist doch nichts Besonderes. Ich insistiere, schließlich beginnt mit dieser Frage alles Bewerben – auch wenn ein Arbeitgeber sie nicht stellen sollte.

Flexibel und belastbar

Unter Mühen vergehen zehn Minuten. Ich bitte den, der zuerst fertig war, mir sein Ergebnis vorzulesen. Er liest vor: Ich bin flexibel und belastbar. Ich unterbreche ihn, kaum dass er mit diesem Satz fertig ist: Heben bitte mal alle die Hand, für die das nicht gilt. Von ratlos bis amüsiert die Reaktionen. Natürlich sind sie alle belastbar. Und flexibel. Dann aber ist das nichts Besonderes, offensichtlich. Und nun?

Wir stellen die nächste Frage. Was heißt denn flexibel? Und was belastbar? Na ja, antwortet einer, das ist doch klar, ich würde auch eine längere Anfahrt in Kauf nehmen. Und was ist länger? Fünf Kilometer oder zehn? 100 oder gar mehr? Nein, 100 natürlich nicht. Ein anderer würde, natürlich, auch 100 Kilometer in Kauf nehmen. Eine der Teilnehmerinnen weist darauf hin, dass wir eigentlich von Mobilität redeten. Wenn sie flexibel sage, meine sie, dass sie jede Arbeit übernehmen würde, gleich wie anstrengend. Da sind wir nun schon wieder ganz nah an Belastbarkeit dran, offensichtlich entwischen uns die Begriffe. Jedenfalls solange wir sie nicht mit einer Erklärung versehen. Ein Aha-Erlebnis: Jeder Arbeitgeber darf flexibel und belastbar in seine Stellenausschreibungen reinschreiben, der Bewerber muss solche Eigenschaften erklären.

Wer über 50 ist, hat etwas zu erzählen

Ich bin schmerzhaft beharrlich: Was ist denn nun Besonderes an Ihnen. Nichts, beharren zwei der Damen. Jetzt kommt mein üblicher Ausbruch: Es gibt niemanden, der über 50 ist, an dem nichts Besonderes wäre. Das ist doch genau der Vorzug, den sie gegenüber 20jährigen geltend machen können, es vergehen nicht 50 Jahre, ohne dass etwas Besonderes passiert. Das Leben macht sie besonders.

Es dauert fast zwei Stunden, bis ich alle Neune soweit habe, eine Geschichte zu erzählen, ihre Geschichte zu erzählen, Geschichten, die zeigen, dass sie zwar flexibel und belastbar waren, aber jeder anders und der eine mehr, die andere weniger. Geschichten, die einen Eindruck hinterlassen, an die man sich erinnern kann. Zum Teil aufregende Geschichten, von einem Leben als freischaffender Straßenzauberer, von einem Leben zwischen Amerika und Neuseeland. Einer hat sein Leben lang Luft verkauft, wie er den Optionshandel beschreibt, ein anderer mit Mitte fünzig noch auf Künstler umgesattelt. Nichts Besonderes?

Man muss von sich erzählen

Ja, aber kann man denn in einem Bewerbungsgespräch Geschichten erzählen? Darf man überhaupt so hemmungslos von sich sprechen? Das ganze Elend von Menschen offenbart sich hier, denen man eingetrichtert hat, eine Bewerbung dürfe nicht mit ICH beginnen. Der Esel, das kommt immer spontan, nenne sich stets zuerst. Und mit diesem Bewußtsein sollen sie in einer Welt bestehen, in der ICH immer ganz vorne steht. Und wer nicht "ich" sagen darf, der kann auch keine Geschichten erzählen, jedenfalls keine authentischen.

Und wer nicht "ich" sagen darf, der hat eine große Hürde auf dem Weg zu mehr Selbstbewusstsein. Selbstbewusstsein ist angesichts solcher Vorgaben kaum zu erwerben. Wenn es im Einzelfall doch noch gelingen sollte, dann wäre das schon etwas ganz Besonderes.

Endlich am Ende angekommen?

Ja haben Sie gedacht, wir machen Witze, wenn wir das mit "Dachboden" bezeichnen? Irgendwo muss der Krempel hin, wer weiß, ob das nicht nochmal gebraucht wird...