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Die E-Mail emaillieren

"Die Briefe eines klugen Mannes enthalten immer den Charakter der Leute, an die er schreibt". Wer außer Lichtenberg hätte diesen ersten Satz der Empathie so formulieren können. Lichtenberg kannte aber die E-Mail nicht.

Das Lob der E-Mail

In der E-Mail verbinden sich Vorzüge des Telefons, des Telefax', des Briefs und des Cartoons, während typische Nachteile vermieden werden, die diese Formen vermittelter Kommunikation haben. Die E-Mail (und mehr noch ihr schneller Verwandter, der Chat) erlaubt eine hohe Dialoggeschwindigkeit, ohne die gleichzeitige Verfügbarkeit beider bzw. aller Teilnehmer zu fordern oder so flüchtig zu sein wie ein Telefongespräch. Sie ist bezüglich ihrer Inhalte und ihrer Sendezeiten selbstdokumentierend, verlangt anders als das Fax aber weder Tinte noch Papier (auch wenn viele Empfänger die E-Mail noch immer sofort an ihren Drucker weiterleiten). Sie kann den gleichen Textumfang haben wie ein Brief, oder auch einen deutlich größeren, erlaubt Anhänge in jeder Form, hat jedoch deutlich geringere Laufzeiten. Schließlich kann man den Text einer E-Mail mit sogenannten Emoticons untermalen: Kleinstzeichnungen, meist Gesichtsausdrücke aus Klammern und Satzzeichen gebildet, die den emotionalen Wert eines Satzes (oder auch nur eines Wortes) sichtbar machen sollen. Solche Emoticons sind zunehmend auch in geschäftlichen E-Mails zu finden, ein deutlicher Hinweis darauf, dass vielen Autoren die Defizite des Mediums (oder die Defizite ihrer eigenen Ausdrucksfähigkeit) mindestens unterschwellig bewusst sind. Bevor wir uns aber den Defiziten der E-Mail widmen, sollten noch die anderen Vorteile erwähnt werden, die sie gegenüber konkurrierenden mittelbaren Kommunikationsmedien hat: Die E-Mail ist (nahezu) weltweit einsetzbar. Auch wenn der Zugang zum Internet mehr oder weniger viel kostet, die E-Mail selbst ist in der Regel kostenlos bzw. so billig, dass ihre Transportkosten nicht ins Gewicht fallen. Was per E-Mail versandt wird, dokumentiert sich, wie gesagt, mit Zeitstempel selbst und könnte entsprechend schnell und, angesichts stetig sinkender Speicherkosten, auch günstig archiviert werden. Mit der E-Mail können Durchlaufzeiten von Vorgängen drastisch reduziert und Abstimmungsverfahren, die bisher in nacheinander abzuarbeitenden Schritten bewältigt wurden, parallel laufen. Die E-Mail ist ubiquitär, im Zuge des "unified messaging" können heute E-Mails in ihrer ursprünglichen Form oder als SMS vom Computer an Mobiltelefone verschickt oder Faxe in E-Mails umgewandelt werden.

Mit Sicherheit ästhetische Defizite

Gerade die unbestreitbaren einzigartigen Vorzüge der E-Mail sind es jedoch, die sie so ärgerlich, kostenträchtig, ja, streitauslösend machen. Die Geschwindigkeit des Mediums begünstigt Flüchtigkeit beim Schreiber. Die Garantie, dass sie durch jeden Empfänger zu lesen ist, entwertet sie ästhetisch, weil jede Gestaltung, und sei es nur die Hervorhebung einzelner Worte, nicht wiedergegeben wird, wenn der Empfänger sicherheitsbewusst ist. Selbst sehr fleißige Terroristen würden es kaum schaffen, mehr als einige Dutzend Briefkästen am Tag mit Briefbomben zu beschicken, und schon die erste würde unmittelbar eine Großfahndung auslösen. Die millionenfache Zusendung von Viren, Würmern und anderem elektronischen Ungeziefer wird dagegen im allgemeinen Volksempfinden bisher eher als Dummejungenstreich betrachtet, selbst wenn die Schäden in die Milliarden gehen. Aber immerhin, das Virus wird beachtet, Brandschutzmauern werden errichtet, die Täter immer häufiger erwischt und bestraft. Auch die Schäden durch sogenannte Spam-Mails sind erkannt und zumindestens wird der Versuch unternommen, sie zu reduzieren.

Der Zeitvernichter

Weitgehend unbeachtet geblieben aber ist die tägliche Ressourcenvernichtung als Folge der übrigen Vorzüge der E-Mail. Beginnen wir mit dem Zugang. Empfangen wie verschickt, das ist das Motto. Das alleine wäre nicht schlimm, hätte die Mehrheit der Empfänger nicht die Benachrichtigung über eingegangene E-Mails aktiviert. "Sie haben neue Nachrichten" erscheint z.B. mitten auf dem Schirm, ohne die geringste Rücksicht auf das, was ich gerade tue. Und sollte ich vorübergehend mit Blindheit geschlagen sein, gibt mir Redundanz zusätzliche Sicherheit, denn schließlich quakt es aus dem Lautsprecher "Sie haben Post", nur scheinbar eleganter ist ein unüberhörbares "Ping". Und natürlich könnte ich beides ignorieren. Und natürlich wechsle ich sofort in den Posteingang meines E-Mail-Programms, denn warum sonst hätte ich die Benachrichtigungsfunktionen aktiviert. Nach dem Lesen meiner neu eingegangenen E-Mail wechsle ich zunächst zu meiner Ausgangstätigkeit zurück, um diese, nach Wiederaufnahme des abgerissenen Gedankenfadens, weiterzuführen - bis zur nächsten Benachrichtigung. Je nach E-Mail-Aufkommen kann sich die Zeit, die ich für eine Tätigkeit brauche, auf diese Art leicht verdoppeln. Dabei sind die Zeiten für das Lesen der E-Mail selbst noch nicht berücksichtigt. Wenn ich mich dann daran setze, meine Post zu bearbeiten, muss ich mir auch die E-Mails erneut vornehmen, die ich unmittelbar nach Eingang gelesen, aber natürlich - ich hatte ja noch anderes zu tun - nicht sofort bearbeitet habe. So vergeht die Zeit. Im Vergleich dazu ist der Aufwand, der mit dem Löschen unerwünschter Werbe-E-Mails verbunden ist, eher zu vernachlässigen, auch dann, wenn es sehr viele sind. Und natürlich stimmt letzteres nur, wenn mich meine Neugierde nicht doch zwingt, sie auch zu lesen.

Redundanz-Mail

Damit nicht genug, wer noch glaubt, es gäbe nur zwei Kategorien von E-Mails, den Werbeunfug (Spam) und die anderen, die ihn wirklich betreffen, der irrt. Es gibt eine dritte Kategorie, ich nenne sie Redundanz-Mail. In den frühen Zeiten der Schreibmaschine, also vor der flächendeckenden Einführung des Kopierers, konnte eine Sekretärin mit kräftigem Anschlag drei, vielleicht auch vier Durchschläge eines Briefes anfertigen, dann war allerdings das obenliegende Original mindestens überall dort, wo Punkte waren, sichtbar durchlöchert und der dritte Durchschlag zeichnete den Text mit breiigen Lettern weich. Mit Aufkommen des Kopierers war es plötzlich ein Leichtes, jedes Schreiben beliebig oft zu kopieren. Lästig blieb, dass jede Kopie einen eigenen Versandvorgang auslöste, was einen in der Regel kurz innehalten und die Zahl der notwendigen Empfänger überdenken ließ. Erst die E-Mail hat die Richtung dieses Denkprozesses umgekehrt, die Frage lautet jetzt: Wer noch alles sollte diese E-Mail bekommen? Was zunächst so aussieht, wie eine Erweiterung der Kommunikation und tatsächlich dazu genutzt werden könnte, die Informationspolitik im Unternehmen zu revolutionieren, erweist sich bei näherem Hinsehen als eine Art Spam, die deutlich lästiger ist, als die bereits auf den ersten Blick als völlig sinnlos identifizierbaren Werbebotschaften finanzieller oder sexueller Art.

Kettenbrief

Denn jetzt ist der Empfänger gefordert zu überlegen, ob er die enthaltenen Informationen braucht oder nicht. Und diese Entscheidung kann er angesichts meist aussagefreier Betreffzeilen ("Protokoll der Sitzung vom ....") in der Regel erst nach Lesen der E-Mail und ihrer Anhänge treffen. Besonders beliebt für diese Delegation der Entscheidung über den Wert von Informationen an den Empfänger ist die cc-Zeile. cc heißt carbon copy - Durchschlag! Früher jedoch gingen maximal ein oder zwei Durchschläge zur Kenntnis an weitere Empfänger. Die CC-Zeile kennt jedoch keine Begrenzung, sie hat kein Ende. Da gibt es dann einen Adressaten und fünf, die die E-Mail zur Kenntnis bekommen. Das ist ansteckend, zwingt es doch den oder die eigentlichen Adressaten, die "Kenntnisnehmer" auch in ihre Erwiderung aufzunehmen und in die Gegenerwiderung und so fort... Hier funktioniert er zwar, der Kettenbrief, aber in dieser Form kennt er wirklich nur Verlierer. Soweit ich weiß, ist nie gemessen worden, wie viel Zeit durch das Fehlen ausreichender Informationen vergeudet wird, wie viele Projekte letztlich daran scheitern, dass man vergessen hat, jemandem Bescheid zu sagen. Sie können dagegen relativ leicht messen, wieviel Zeit Ihnen persönlich dadurch genommen wird, dass Sie jemand über Dinge informiert, die Sie nicht wissen wollten – diese Zeit zurückzuerobern wird schwierig. Sie können solche „Informationen" in der Regel schon deshalb nicht ignorieren, weil Sie nie ausschließen können, dass Ihnen irgendwann jemand erklärt, Sie seien doch über den Vorgang x informiert worden, von ihm persönlich am nämlichen Tage. Bei Bedarf kann er das auch nachweisen, die E-Mail dokumentiert sich, wie gesagt, selbst.

Der Spam-Filter für Redundanz-Mail - fünf Regeln

Wehren können Sie sich, indem Sie strikte Regeln für den E-Mail-Versand in Ihrem Unternehmen durchsetzen. Ihre Mitarbeiter und die Kunden werden es Ihnen danken. Hier ein Vorschlag, er berücksichtigt die zahlreich vorhandenen Sicherheitsregeln nicht, sondern befasst sich nur mit Stil- und Nützlichkeitsfragen:

  1. Eine E-Mail darf nie an mehr als drei Personen gleichzeitig versandt werden, Ausnahmen sind Besprechungsprotokolle aus Sitzungen mit mehr als drei Teilnehmern*. Die Versendung "zur Kenntnis" wird bei der Feststellung der Höchstzahl berücksichtigt. Hilfsweise, wenn sich diese Regel nicht durchsetzen lassen sollte: Die Adresszeile einer E-Mail darf nicht mehr Worte enthalten als der Textkörper. * Fragen Sie sich, ob Sie Sitzungen mit mehr als drei Teilnehmern wirklich brauchen…
  2. E-Mails dürfen nicht für Auseinandersetzungen genutzt werden, sie sind als Träger kontroverser Debatten nicht geeignet.
  3. E-Mails sind mit Anrede, Grußformel und Unterschrift (Vor- und Nachname) zu versehen. Diese sind auszuschreiben.
  4. E-Mails sind bezüglich Orthographie und Grammatik mit der gleichen großen Sorgfalt zu behandeln wie Briefe.
  5. Und noch etwas Privates: Der Abschiedsbrief ist eine Kunstform – die Abschieds-E-Mail (oder gar -SMS) ein historischer Irrtum.

Sie werden feststellen: Diese Regeln machen es anstrengender, eine E-Mail zu schreiben. Damit nimmt die Zahl der versandten E-Mails von allein ab - ich kann Ihnen allerdings auch bei Einhaltung der Regeln nicht garantieren, dass dabei gerade das Überflüssige entfällt...

Bewerbung als Werbung in eigener Sache

(K)eine Anleitung

Das Folgende ist eine fiktive Antwort auf eine fiktive schriftliche Bewerbung, wie sie kein Bewerber je erhalten wird, und wie sie doch viele Bewerber erhalten sollten.

Lieber junger Freund,

erlauben Sie mir, Sie so anzusprechen, es ist vielleicht etwas zu persönlich - aber schließlich wird auch dieser Brief sehr persönlich. Im Gegensatz zu Ihrem Anschreiben, möchte ich gleich hinzufügen, das war recht unpersönlich. "Hiermit", so schreiben Sie, "bewerbe ich mich auf Ihre Anzeige, die mein Interesse geweckt hat." So viel Überflüssiges in einem Satz. Hätten Sie einfach geschrieben "Ich weiß nicht, wie ich anfangen soll", es wäre ehrlicher gewesen. Ihre Eröffnung stammt aus einem Bewerbungsführer? Ich weiß, ich lese sie häufig. Das macht sie nicht besser.

Ein grundsätzliches Wort zu Bewerbungsführern: In Deutschland gibt es hunderte solcher Bewerbungsratgeber, wenige gute und sehr viele schlechte. Einige davon gar auf Diskette oder CD-ROM. Einlegen, eins der ,,200 Muster-Bewerbungsschreiben" in eine gängige Textverarbeitung laden, noch den Namen des zukünftigen Arbeitgebers einsetzen - fertig. Kostet nur wenige Minuten, allerdings sind selbst diese in der Regel verschwendet. Bewerbung, die Werbung für sich selbst, ist eine Kunst, auch im Geschäftsleben.

Als es in Deutschland erstmals nötig wurde, sich im Wortsinne zu bewerben, als die Zeiten der Vollbeschäftigung für Jungakademiker vorbei waren, da gab es weder Regeln noch Strategien. Die Zeit der Bewerbungsseminare und -führer begann. Man schrieb ab und zu. Neben den zahlreichen Büchern gibt es noch zahlreichere Aufsätze und Artikel zum Thema: Nach den Hinweisen auf die Fehler, die Bewerber häufig machen, kommt die Anleitung, wie man es richtig macht, und diese führt meist direkt auf den Holzweg. Ich will es an einem Witz verdeutlichen, den man sich in der untergegangenen Sowjetunion erzählte: Dort war die Rede davon, dass angesichts der chronischen Rasiererknappheit an allen öffentlichen Plätzen helmähnliche Rasiermaschinen aufgehängt werden sollten, in die der männliche Sowjetbürger nur sein Gesicht zu halten habe, um auf das Feinste rasiert zu werden. Auf die erstaunte Frage, es seien doch nicht alle Gesichter gleich, lautete die Antwort: Vorher nicht...

Alle gleich?

Das Ergebnis der Mehrzahl solcher Bewerbungsanleitungen waren und sind identisch aussehende Mappen, die sich höchstens nach der Farbe unterscheiden, und weitgehend standardisierte Anschreiben. Das wäre für sich schon schlimm genug, aber nein, es reicht nicht, die Herren (meist sind es Herren) beachten einfache Regeln für ihre sogenannten Muster-Anschreiben nicht. Eine einfache Regel für ein Anschreiben heißt: Schreiben Sie deutsch und nicht bürokratisch. "Hiermit" ist bürokratisch. Womit denn sonst, möchte man zurückfragen. Und ehe Sie das nächste Mal mit "bezug nehmend" eröffnen, möchte ich Ihnen auch dieses Wort verbieten. Wie würden Sie reagieren, wenn Ihnen jemand ein Waschmittel mit den Worten offerieren würde: "Hiermit bieten wir Ihnen eine Packung Subtil an?" Das wäre albern? Aber sicher.

Ich ahne schon, was jetzt in Ihnen vorgeht: Sie sind kein Waschmittel. Ja, warum treiben Sie dann weniger Aufwand für Ihre Eigen-Werbung als der durchschnittliche Waschmittel-Hersteller für sein weißes Pulver? Das kann man überhaupt nicht miteinander vergleichen? Vielleicht nicht gleichsetzen, vergleichen kann man sehr wohl. Ein Waschmittel unterscheidet sich vom anderen nicht, die Hersteller der Inhaltsstoffe mögen es mir nachsehen. Menschen dagegen schon.

Und nun bemüht sich tatsächlich ein ganzer Berufsstand, diese Unterschiede (mindestens optisch) verschwinden zu lassen. Wo früher das Durcheinander stand, wild, aber wenigstens interessant, steht heute die Langeweile. Mehr Persönlichkeit!

Wer sind Sie?

Was macht Sie besonders? Was macht Sie für uns besonders? Das sind die Fragen, die Ihre Bewerbung wie viele aufwirft - und die Ihr Anschreiben völlig offen lässt - wie so viele Anschreiben. Durch Ihre Bewerbung bieten Sie Ihre Mitarbeit an, Sie wollen mich überzeugen, dass wir mit Ihnen besser dran wären als ohne Sie. Noch einmal: Welchen Vorteil sollten wir davon haben, gerade Sie einzustellen und nicht einen der 150 Konkurrenten, deren Bewerbungen heute in der Post waren? Mindestens die Andeutung einer Antwort hätte ich in Ihrem Anschreiben gerne gelesen.

Und was schreiben Sie mir? Dass unsere Anzeige „Ihr Interesse geweckt" habe. Ja Mensch, warum sonst hätten Sie sich bewerben sollen? Dass ich eine „moderne Firma" sei, „erfolgreich und international". Doch, genau das bedeutet in einem personalisierten Anschreiben der Satz: "Sie sind eine erfolgreiche, internationale und moderne Firma." Ich bin vieles, die Firma bin ich nicht. Das sind reine Stilfragen? Warum sind, wenn es um die Werbung für ein Waschmittel geht, ganze Gruppen von mehr oder weniger kreativen Köpfen mit solchen Stilfragen beschäftigt? Nicht, dass die immer den richtigen Ton träfen, aber dort gibt man sich wenigstens Mühe.

In der Anzeige konnten Sie lesen, dass wir einen teamfähigen, flexiblen und selbständigen Mitarbeiter suchten. Und was antworten Sie mir? Ihre Studienkollegen hätten Ihnen Teamfähigkeit, Flexibilität und Selbständigkeit attestiert. Raffinierter Trick, ich kenne den Bewerbungsführer, der das vorschlägt, originell - beim ersten Mal. Warum also schreiben Sie mir stattdessen nicht, was Sie davon überzeugt hat, Sie seien teamfähig? Warum geben Sie mir kein für diese Stelle relevantes Beispiel? Das Wort "teamfähig" muss darin gar nicht vorkommen, es würde sogar stören.

Sie "glauben, unseren Anforderungen gerecht zu werden". Und was Sie nicht können, so schreiben Sie, seien Sie gern bereit zu lernen. Nichts gegen Bescheidenheit, aber warum hätten Sie sich bewerben sollen, wenn Sie nicht sicher wären, unseren Anforderungen gerecht zu werden? Dass Sie lernwillig sind, sollten Sie auch nicht erwähnen müssen. Soviel Bereitschaft zu Selbstverständlichem macht misstrauisch.

"Sollte ich für diese Stelle nicht in Frage kommen, so bin ich gerne bereit, auch erst einmal als Trainee, Praktikant oder Sachbearbeiter z.B. im Marketing oder Personalwesen zu beginnen." So schließen Sie Ihr Schreiben.

Ich sitze und staune. Was ist das? Wollen Sie mir Flexibilität, Opferbereitschaft oder einfach den unbedingten Willen beweisen, für uns zu arbeiten? Oder wissen Sie einfach nicht, was Sie wollen? Hauptsache einen Job, egal was?

Selbstabwertung

Eine Studie der TU Berlin hat vor einigen Jahren gezeigt, dass immer mehr überqualifizierte Mitarbeiter auf ihren Stellen hängen bleiben. Denn wie wird es ablaufen: Wenn Sie mit diesem Ansatz irgendwo den Einstieg schaffen - und das ist keineswegs ausgeschlossen -, und wenn nach z.B. drei Jahren Ihrer Betriebszugehörigkeit endlich eine adäquate Stelle frei wird und Sie sich bewerben könnten, dann werden Sie erleben, dass Sie nicht zum Zuge kommen. Wieso nicht? Weil gerade ein Bewerber vor der Tür steht, frisch von der Hochschule oder von der Konkurrenz, mit aktuellen Kenntnissen für die Stelle, und der wird dann Ihr Chef. Denn in Ihnen hat man ja einen guten Sachbearbeiter, und Ihr Hochschulabschluss ist leider kaum noch das Papier wert, auf dem Sie ihn einst bescheinigt bekommen haben.

Ein solcher Brief von jemandem, der Sie nicht kennt, erscheint Ihnen doch recht anmaßend? Hätten Sie mir doch Gelegenheit gegeben, Sie kennenzulernen. Und wären Ihnen die üblichen Textbausteine lieber gewesen? Kennen Sie bestimmt: "Bitte betrachten Sie diese Absage nicht als Wertung Ihrer Person... "? Wenn nicht immer auch Schicksale dahinter stünden, es wäre zum Lachen, wie da zwei Seiten so tun, als kommunizierten sie miteinander, während sie sich doch nur gegenseitig mit Textbausteinen bewerfen.

Nachdem ich Sie jetzt so heruntergeputzt habe, wollen Sie wenigstens von mir wissen, wie Sie es stattdessen hätten anfangen sollen, oder was Sie in Zukunft schreiben sollten. Zwar kann auch ich es nicht lassen, Ihnen kluge Ratschläge zu geben, aber von mir werden Sie nicht hören, was Sie in Zukunft schreiben sollen. Ich weiß es nicht, ich bin nämlich kein Hellseher und gleich soviel: Verwenden Sie keine Anstrengung auf die weltfremde Frage, was ein Firmenvertreter in der Bewerbung lesen oder im Gespräch hören will, das wissen auch all die Bewerbungsführer nicht - schon weil es so unterschiedlich ist.

Bewerbung vorbereiten

Noch bevor Sie sich fragen, was ein potentieller Arbeitgeber von Ihnen erwartet, schauen Sie in Ihren inneren Spiegel: Fragen Sie sich, was Sie wollen. Das ist in jedem Fall der wichtigste Schritt zu einer erfolgreichen Bewerbung. Etwas anders gefragt: Wie sieht das Produkt aus, das Sie bewerben wollen?

Es ist erstaunlich, wie viele Bewerber dieses Produkt entweder nicht kennen oder nicht nachvollziehbar beschreiben können. Ja, ich rede über Sie selbst, über Ihre Persönlichkeit.

Im nächsten Schritt müssen Sie feststellen, wie die Absatzmärkte für Ihr Produkt aussehen. Denken Sie daran, daß es ein exklusives Produkt ist, das einzige seiner Art! Also tun Sie nicht so, als sei es Massenware, verschleudern Sie es nicht an den erstbesten. Ihr Kunde wird das Produkt in seinem Sinne verändern. Stellen Sie also vorab sicher, daß diese Veränderung für Sie und für den Markt auf Dauer akzeptabel ist, denken Sie strategisch über Ihre Zukunft nach. Setzen Sie sich Ziele - und sei es nur, um später messen zu können, ob und wieweit Sie von Ihrem ursprünglichen Ziel abliegen und ob dies gewollt ist oder nicht.

Unternehmer in eigener Sache

Es verwundert, wie viele Bewerber ihr Produkt großer Konkurrenz aussetzen. Der Job bei einem der Top 500- oder gar Top 50-Unternehmen mag Ihnen erstrebenswert vorkommen, aber zigtausend anderen eben auch. Die Anforderung an Ihre Bewerbung richtet sich immer auch danach, was andere anzubieten haben. Denken Sie darüber nach, ob Sie tatsächlich in diesem Sinne konkurrenzfähig sind oder auch nur sein wollen. Sie werden lernen müssen, Unternehmer in eigener Sache zu sein, mit allen Chancen und Risiken. Bewerben Sie sich initiativ und am Markt orientiert, aber nicht blind. Blind- und Initiativbewerbung werden häufig als Synonyme verwendet, dabei sind sie grundverschieden. Erstere ist mit einem Schrotschuß ins Dunkle zu vergleichen, was zu einem Treffer führen kann, aber die Wahrscheinlichkeit für einen solchen Treffer ist gering. Die Initiativbewerbung richtet dagegen auf ein gut vermessenes Ziel, auf das nicht gleichzeitig alle anderen ballern.

Eine schriftliche Bewerbung, die oft die einzige Möglichkeit ist, in den Markt Ihrer Wahl hineinzukommen, sollte immer extrem sorgfältig vorbereitet werden. Dabei hat das Anschreiben eine zentrale Bedeutung, es muß so ausführlich wie nötig, so knapp wie möglich, so informativ wie eine wissenschaftliche Arbeit und dabei so spannend wie ein Krimi sein.

Als ich diese, zugegeben hohen, Ansprüche einmal anlässlich eines Bewerbungsseminars formulierte, entfuhr es einer Teilnehmerin:"Dann brauche ich ja für jede Bewerbung drei Stunden!" Um es deutlich zu sagen: drei Stunden für ein gutes Anschreiben, das setzt schon Übung voraus. Ich halte sechs bis acht Stunden für realistischer. Darüber hinaus braucht allein die Informationsbeschaffung im Vorfeld noch deutlich mehr Zeit. Wem das zu lang erscheint, der sollte sich fragen, wie lang das Berufsleben ist, das vor ihm liegt, und wieviel Zeit er bereit ist, in die eigene Zukunft zu investieren.

Es ist kein populärer Rat in diesen Zeiten knapper Arbeitsplätze, aber die Maxime "Einen Arbeitsplatz um jeden Preis" wird einen vielleicht zu hohen Preis fordern. Informieren Sie sich im Vorfeld über die Firmen, schauen Sie ins Internet, informieren Sie sich auf Fach- und Hochschulmessen, auf Absolventenkongressen und in der einschlägigen Wirtschaftspresse. Fragen Sie bei größeren Unternehmen vorab in der Öffentlichkeitsarbeit an und lassen Sie sich den Geschäftsbericht schicken.

Die Liste ließe sich nahezu beliebig verlängern - Informationsbeschaffung steht am Anfang einer erfolgreichen Bewerbung. Gesprächsplanung Und wenn Sie es dann geschafft haben, zur Vorstellung eingeladen zu werden: Bereiten Sie Ihr Interview oder das Assessment-Center sorgfältig vor. Hier hilft der Blick in die diversen Bewerbungsführer, denn natürlich sind die Fragen, die man Ihnen stellen wird, oder die Aufgaben, die Sie im Assessment-Center erwarten, nicht immer von überragender Originalität.

Viele Firmen haben zudem, wie Sie, eine teure Neigung zu mangelnder Vorbereitung und Lösungen von der Stange. Nur - Lernen Sie keine der Antworten auswendig, die von diesen Bescheidwissern immer wieder – oft noch als Königsweg – angeboten werden! Wenn Sie auf einen guten Interviewer treffen, ist das wie beim Schachspiel: Sie haben möglicherweise eine Standardantwort auf seine Standarderöffnung, aber mit jeder Nachfrage, mit jedem weiteren Zug, vervielfacht sich die Zahl der Alternativen. Sagen Sie dann Auswendiggelerntes auf, können nicht "spielen", haben Sie schon verloren. Fragen Sie sich also, wie Sie auf bestimmte Standardfragen richtig antworten sollten. Richtig heißt: Wie es Ihnen entspricht.

Wollte man die Voraussetzungen einer erfolgreichen Bewerbung auf drei wesentliche Kriterien reduzieren, hießen sie Arbeit, Information und Kommunikation. Arbeiten Sie effizienter, seien Sie besser informiert und kommunizieren Sie überzeugender als alle anderen. Stellensuche und Bewerbung ist harte, strategische und operative Arbeit. Zuerst an sich selbst - nicht um sich ein besonders stromlinienförmiges Design zu geben oder gar zu werden, wer und was man nicht ist, sondern im Gegenteil, um die eigenen Interessen und die damit immer verbundenen eigenen Vorzüge klar zu erkennen (Information) und transparent darstellen zu können (Kommunikation).

Noch ein letzter Rat?

So, mein lieber junger Freund, jetzt – Sie verzeihen mir dieses Wortspiel – entlasse ich Sie mit einem letzten Ratschlag: Wenn Sie Zeit sparen wollen, dann lesen Sie nicht so viele Aufsätze wie diesen, der auch nur wieder ein Bewerbungsratgeber ist, benutzen Sie Ihren eigenen Kopf. Sie können das, das haben Sie in Ausbildung und Studium schon hinreichend bewiesen.

Auch und gerade weil ich Sie wegen Ihrer heutigen Bewerbung nicht für die ausgeschriebene Stelle berücksichtigen kann, wünsche ich Ihnen für die Zukunft viel Glück und Erfolg. Letzterer wird sich einstellen, ohne dass Sie zuviel von ersterem brauchen, wenn Sie nicht versuchen, Jedermann zu sein, sondern einfach Sie selbst bleiben - so mühsam das manchmal sein mag.

 

Der vorstehende Aufsatz ist die Überarbeitung eines Artikels, der 1997 erstmals im „Karriereführer" erschien. Als sich annähernd zehn Jahre danach nichts geändert hatte, habe ich es mit einer Langfassung versucht: Das Buch Stellen Sie sich vor erschien 2005 als Anleitung für die authentische Bewerbung. Zu beziehen zum Beispiel über Amazon oder per E-Mail beim Autor selbst.

Verboten statt verbunden

Die Regierung droht, die Oasen in der Service-Wüste Deutschland mit frischem Sand zu befüllen.

„Guten Abend, mein Name ist Silvia Jochemsen von Handy International, spreche ich mit Herrn Bürger?", das kennt inzwischen fast jeder. Die Zeiten sind hart, die Wirtschaft dümpelt vor sich hin, der Verbraucher entzieht sich seiner staatsbürgerlichen Pflicht, Geld auszugeben. Die Politik flucht, raunt, verspricht, droht, der Verbraucher bleibt stur.

Und jetzt bekommt er die Quittung. Nicht nur in Form einer weiter schwächelnden Konjunktur. Nein, die Regierung novelliert das Gesetz gegen den unlauteren Wettbewerb. Und weil der Verbraucher offensichtlich unmündig ist, muss er zusätzlich geschützt werden. Liberalisierung der Werbung und der Telekommunikation ist so gefährlich, vergleichbar eigentlich nur der Atomkraft oder dem freihändigen Fahrradfahren, dass man das lieber den anderen europäischen Staaten überlässt.

Statistisch hat jeder erwachsene Deutsche ein Mobiltelefon, die deutschen Haushalte haben längst nicht mehr nur ein Festnetztelefon, oft gibt es mehrere Apparate, bis zu zehn Telefonnummern, ein Fax-Gerät, eine bis zehn E-Mail-Adressen und nicht nur Jüngere bewegen sich im Internet in Chat-Rooms, will sagen: Telekommunikation ist Alltag - nicht die Ausnahme.

Es fällt nur den Älteren unter uns - vielleicht - auf: die Telefonzellen, die früher das Stadtbild beherrschten und vor denen sich abends oft lange Schlangen bildeten (ja, wirklich), in denen Schilder zu lesen waren wie „Fasse Dich kurz" (ja, wirklich!), sie sind verschwunden. Aber, liebe Verbraucherschützer, nicht, weil keiner mehr telefonieren will, sondern weil jeder sein Telefon ständig bei sich trägt.

Worum es geht? Das Gesetz gegen den unlauteren Wettbewerb wurde novelliert. Und weitgehend unbemerkt von einer Öffentlichkeit, die sich alle vier Wochen an den neuen Arbeitslosenzahlen entsetzen darf, wird da durch eine Winzigkeit der Verzicht auf so etwa 50.000 bestehende und 50.000 mögliche zusätzliche Arbeitsplätze in Call Centers geregelt. Wir haben es ja.

Statt wie im übrigen Europa auf opt out zu setzen, verlangt dieses Gesetz das opt in. In schlichten deutschen Worten: Wer telefonisch über neue Produkte oder Ähnliches informiert werden will, der muss das vorher ausdrücklich erklären (opt in). Für jeden Einzelfall - und bitte nicht auf einem Standardvordruck. In allen anderen europäischen Ländern (zugegeben, außer Dänemark und Griechenland) gilt die Regel: Wer nicht angerufen werden will, muss es nur sagen (opt out).

Derselbe Gesetzgeber, der keine justiziablen Regeln gegen die kriminellen Auswüchse von Servicenummern (Stichwort 0190) hinbekommt, greift jetzt ganz hart durch. Und zwar dort, wo es den Verbraucher bisher nichts gekostet hat, an für ihn relevante Informationen zu kommen. Verhindert werden soll, dass Menschen zu unmöglichen Tageszeiten angerufen werden, einige Frauen der Abgeordneten hatten sich beschwert, dass sie abends und am Wochenende durch das Telefon gestört worden seien und dran war nicht der Gatte sondern ein wildfremder Verkäufer.

Nicht schön, nicht höflich und, wenn man ehrlich ist, auch mit ständig abnehmenden Nutzen für den Anrufer – keine Frage. Man sollte unbedingt dafür sorgen, dass jeder, der keine werblichen Anrufe bekommen will, dies durch eine einmalige Erklärung gegenüber einer zentralen Stelle zukünftig verhindern kann und denen aufs Haupt schlagen, die diese Erklärung ignorieren.

So wie das bei Mailings mit der Robinson-Liste auch schon geht. Und man sollte dringend dafür sorgen, dass die Streuverluste der Schrotschuss-Werber, die ungefragt bei Hinz und Kunz anrufen, so groß werden, dass sich diese Form der Telefonie einfach nicht mehr lohnt, indem man ihnen nämlich vormacht, wie eine funktionierende nachhaltige Kundenkommunikation die „Kalttelefonie" im Keim erstickt, einfach weil ein potentieller Anrufer weiss, das er auf diesem Wege ohnehin nichts holen kann.

Das alles wäre möglich, nicht von jetzt auf gestern, aber im Lauf weniger Jahre sicher. Aber nein, Telefonieren, das ist ein bisschen wie Wohnungseinbruch durch die Leitung, am Telefon „nein" zu sagen, das hat der Verbraucher doch nie gelernt, das überfordert ihn, das muss ganz schnell verboten werden. Wissen Sie, woran das erinnert? An die Diskussion über die Frage, ob nicht angesichts der rasenden Geschwindigkeit der neuen Eisenbahn zwischen Nürnberg und Fürth (über 30 km/h) ein Bretterzaun um diese Eisenbahn gebaut werden sollte, um den zufälligen Betrachter vor dem Delirium Furiosum zu schützen, das ihn ebenso wie den in der Bahn sitzenden unweigerlich befallen müsse. Die Warnung wurde übrigens auch von einer Behörde ausgesprochen…

Damals wie heute war die Mündigkeit des Bürgers, des Verbrauchers kein Teil der politischen Kultur. Denn schließlich zeigt der seine Unmündigkeit durch seinen andauernden Konsumverzicht ja selbst, da kann, da muss man ihn auch von zusätzlichen Informationen abschneiden. Unsere Gesetzgeber bauen den Bretterzaun (ich bin gespannt, wann die Telefonleitungen aus dem Ausland gekappt werden, denn von dort werden die Anrufe zukünftig kommen, mit oder ohne Bretterzaun). Allerdings können unsere Behörden, auch die Mediziner, nicht mehr so viel Latein, dass sie etwas gefunden hätten, was sich mit dem Eisenbahn-Delir hätte messen können, sonst hätte man schon in die Begründung des Referentenentwurfs für das neue UWG vielleicht mit Juvenal hineinschreiben können: Stat pro ratione voluntas – als Begründung diene mein Wille.