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Bahn verkehrt

Ich liebe die Bahn. Ich fahre häufig Bahn. Und Nostalgie ist mir fremd.

Wenn ich sie schon höre, die ewig Gestrigen, die immer von der deutschen Bundesbahn reden, wie unsere Großväter vom Krieg. Die deutsche Bundesbahn hatte weltweit einen Ruf: den Ruf der Pünktlichkeit. Einer deutschen Pünktlichkeit. Eine auch im eigenen Land später nicht selten nasenberümpfte Sekundärtugend, aber immer wieder auch Gegenstand des Neides, der Selbstzufriedenheit oder – gerade wenn man als Deutscher in Italien unterwegs war – einer sehnsüchtigen Überheblichkeit. Wenn sonst im Süden auch alles besser zu sein schien, die Sonne wärmer, die Menschen freundlicher, das Essen besser,– von der Bundesbahn immerhin hätte der Italiener sich eine Schiene abschneiden dürfen. Eine Behörde mit nachvollziehbaren Preisen, wenn auch nicht mit marktbezogenen.

Schließlich war die Bahn hoheitliche Aufgabe, wie Landesverteidigung oder ernste Kultur. Der Kilometer kostete einen bestimmten Pfennigbetrag, Kilometer mal Pfennige ergab den Preis; Preis mal einskommafünf und man fuhr Erster Klasse. Es gab den Schalterbeamten, doch, so hieß er. Ihn zu kritisieren, wäre niemandem eingefallen. Man hielt ihn für den Schamanen des Kursbuchs. Wenn er aus den kryptischen Tabellen die günstigste Fahrtroute herausgesucht hatte, dann hätte keine Stiftung Warentest sich angemaßt, diese in Zweifel zu ziehen.

Die Deutsche Bahn hatte im Winter eine Werbung, die hieß:"Alle reden vom Wetter, wir nicht!" und auf dem Plakat ein Zug, der sich unverdrossen seinen Weg durch Eis und Schnee bahnte. Undenkbar, dass man Verspätungen mit Wetterkapriolen begründet hätte.

Daran meinen Sie sich auch zu erinnern? Schöne Zeiten? Pünktlichkeit, so lautet eine alte Erkenntnis, ist die Höflichkeit der Könige. Nun hat die Bahn sich fortentwickelt: Der Schalterbeamte musste dem Service weichen. Der Fahrkartenkäufer wurde zum Kunden. Aus Obrigkeit wurde Untrigkeit und umgekehrt. Und plötzlich war der Kunde König. Es ist eben unwahr, dass die Bahn nicht mehr auf Pünktlichkeit setzte. Die Bahn belohnt Pünktlichkeit, sie verhätschelt den überpünktlichen König: Wer ein paar Tage früher kauft, der bekommt sein Ticket billiger und wer einen Zug früher nimmt, als nach Fahrplan eigentlich erforderlich, der hat gute Aussichten, auch pünktlich zum Termin zu kommen.

Die Behauptung, früher sei alles besser gewesen, ist das Ergebnis unseres trügerischen Gedächtnisses: Wie schwierig war es, eine Fahrkarte zu ergattern: In kleineren Bahnhöfen waren Schalteröffnungszeiten von 4 Stunden täglich, natürlich nur Montag bis Freitag, die Regel. Und auch in größeren Bahnhöfen konnte man schon mal den, damals scheinbar immer pünktlichen, Zug verpassen, wenn man in die Schlange geraten war, in der unmittelbar vor einem die alte Dame stand, die ihre Fahrkarte, noch ganz ohne Belohnung, vier Wochen im Voraus kaufen wollte, und sich jetzt, rund zwei Monate vor dem beabsichtigten Reiseantritt, erst einmal den Vorgang, den Bahnhof, die Strecke und im Zweifel auch die Bundesbahn erklären ließ. Doch, ich habe sofort verstanden, wer die Zielgruppe für das neue Frühbucher-System ist.

Natürlich konnte man Fahrkarten auch im Zug lösen, noch ohne Aufpreis, häufig genug blieb nichts anderes übrig. Und so kam es auf kürzeren Strecken schon mal vor, dass man die ganze Strecke unfreiwillig schwarz fuhr (Schaffner schienen eher die Ausnahme) – oder das Aussteigen versäumte, weil das Ausstellen der Fahrkarte, wenn der Kontrolleur denn doch kam, schnell über den nächsten Halt hinaus dauern konnte. Ja, alte Zeiten, gute Zeiten.

Es gab die erste Klasse, die zweite Klasse, die dritte Klasse schon eine Weile nicht mehr. Es gab Bahnhöfe, in diesen Schalter und an diesen Schaltern Fahrkarten, Billets schon wieder eine ganze Weile nicht mehr. Apropos: Ich kann das Gejammer über „Service-Point" und „Bahn Card First" nicht mehr hören. Neu daran ist nur, dass in dieser Spielart Deutsche die an Worten nicht gerade arme englische Sprache bereichern. Das – heute weitgehend vergessene – Bahn-Französisch wurde einst germanisiert, vom Billet bis zum Kontrolleur. Wer "die ganze Bagage" dabei hatte, der sprach im Übrigen schon damals meist nicht mehr über sein Gepäck.

Wenn jemand ein "Ticket" verlangt hätte, hätte er sich die Frage gefallen lassen müssen, ob er noch ganz richtig tickte. Nein, natürlich hätte man ihn als Ausländer erkannt und entsprechend freundlich bedient, sogar in des Fremden eigener Sprache, wenn sich irgendwo ein Übersetzer in der anwachsenden Schlange gefunden hätte. Wer schnell eine Karte kaufen wollte, der konnte – in großen Bahnhöfen – am Express-Schalter anstehen, ein intelligentes Prinzip: keine Reservierung, keine Fahrplanauskünfte, nur Fahrkarten. Es hätte so schön sein können, wäre da nicht immer die ältere Dame vor einem gewesen, die ihre Fahrkarte..., noch ganz ohne Belohnung,… Sie wissen schon.

Ja, so war das früher, in den alten Zeiten, den guten Zeiten. Heute ist das hoheitliche „"deutsch" aus dem Namen der Bahn getilgt. Recht so. Nichts ist deutsch an dieser Bahn. Nicht die Pünktlichkeit, nicht die Sauberkeit. Damit kein falscher Eindruck entsteht, mich stört das wenig. Schließlich hat das Mediterrane in den letzten Jahren nicht nur unsere Küche bereichert, geben wir es zu, es hat uns entspannt. Noch ein oder zwei Sommer wie der von 2003… - aber wir wollen nicht abschweifen.

Doch, ich bin fest davon überzeugt, dass die Bahn heute besser ist als früher, allein der Fahrkartenkauf: Endlich gibt es Automaten, viele Automaten, und vor diesen Automaten: Niemand. Kunden, Bahn und Öffentlichkeit haben sich einmütig das Preissystem solange kompliziert geredet, dass mancher Fahrgast meint, es könne nur am Schalter, Entschuldigung, Counter, soviel Englisch muss schon sein, durchschaut werden. Es hat sich noch nicht herumgesprochen, dass dieses System nur darum so kompliziert ist, um sicherzustellen, dass es nur ein Computer beherrschen kann. Hier also ein Lob auf den Automaten: Man kann schnell und doch in aller Ruhe auch noch kurz vor Abfahrt des Zuges, die sich ja das eine oder andere Mal leicht verzögert, seine Reiseroute zusammenstellen, verschiedene Verbindungen abwägen, Fahrkarte und Fahrplan für jede dieser Verbindungen ausdrucken lassen, dass es nur so eine Lust ist.

Die Schamanen unter den Kunden (ja, auch dieses Amt ist übergegangen) nutzen gleich das Internet. Zuhause am heimischen PC die Reise zusammenstellen und einfach ausdrucken lassen. Ich hatte lange davon geträumt. Und es ist erhebend, zur kleinen Gemeinschaft von Eingeweihten zu gehören, die im Zug den DIN-A-4-Ausdruck zückt und sich daran ergötzt, wie der Schaffner bei der Fahrkartenkontrolle die Zeit wieder verbraucht, die die Bahn am Schalter eingespart hatte: schließlich muß die Nummer des Tickets zentral registriert und geprüft werden, damit das Gruppenticket nicht eine ganz ungewollte Bedeutung bekommt…

Ich bin zufrieden mit der Bahn und ihrer Entwicklung: statt stundenlang am Fahrkartenschalter zu stehen, kann ich jetzt in der frischen Luft rauchfreier Bahnsteige auf meinen Zug warten. Und wenn der etwas verspätet ist, dann hilft mir das, mich zu entschleunigen und nicht so verbissen von Termin zu Termin zu hetzen. Alles könnte so schön sein, wenn nicht...

Vergangene Woche, ein Werktag, ich stand auf dem Bahnsteig und beobachtete die Raucher, die ihre Kippen angesichts rauch- und damit aschenbecherfreier Bahnsteige in die Gleise warfen, und dachte über Werbesprüche für die Bahn nach („"Die Bahn – beruhigt" oder „"Die Bahn,– gelassen geht’s"). Die Uhr zeigte 12 Uhr 20, als es losging:"Der ICE Neuschwanstein* von München über Nürnberg zur Weiterfahrt nach Hamburg, nächster Halt Fulda, Abfahrt war planmäßig 12 Uhr 13, verkehrt heute ausnahmsweise aus Gleis 8." Zunächst dachte ich an einen neuen Service: Alle pünktlichen Abfahrten werden nachträglich noch einmal bekanntgegeben. Das würde wenig Aufwand verursachen und wäre sinnvoll, zeigte es doch dem im Vertrauen auf die übliche Verspätung seinerseits zu spät eingetroffenen Fahrgast, dass er den Zug verpasst hat.

Aber nein, da war noch der letzte Teil der Ansage:"verkehrt heute ausnahmsweise aus Gleis 8". Plötzlich schien die zweite Hälfte des Satzes im Widerspruch zur ersten zu stehen. Wenn man den Gebrauch der Gegenwartsform nicht als Versuch bewertete, eine allgültige Wahrheit zu postulieren, sondern nur als die Vereinfachung des Futurs (da sind wir wirklich weiter als die Angelsachsen), dann war der Zug also noch gar nicht ein- geschweige denn abgefahren? Ja, aber das hieße doch: Ein Zug, der noch nicht eingetroffen war, hatte schon Abfahrt gehabt, und das planmäßig. Ich konnte die Schwindel erregende Relativität der Zeit fühlen. Gab es bei der Bahn vielleicht gar keine Verspätungen, nur Zeitlöcher, gekrümmte Räume? Ist Bahnreise Zeitreise? Vielleicht war auch nicht der Zug zu spät, sondern die Zeit zu früh. Nicht die Abfahrt war schon gewesen, sondern die Uhrzeit.

Nur folgerichtig, wenn der Zug danach nicht mehr fährt, sondern verkehrt. Nicht nur zur falschen Zeit, sondern eben auch vom verkehrten Bahnsteig. Vielleicht aber versuchte die Bahn nur, einen historischen Irrtum zu korrigieren? Schließlich hatte man - eigentlich nur wegen der Bahn - im 19. Jahrhundert auf die Ortszeit verzichtet und so getan, als sei es überall in Deutschland gleich spät, nämlich immer eine Stunde später als GMT, soviel Vorsprung musste sein. Ein folgenschwerer Fehler, denn seitdem scheint die Sonne in Frankfurt/Oder früher aufzugehen als in Kassel oder gar in Aachen, was, wenn Züge pünktlich verkehrten, zu innerdeutschem Jetlag führen würde.

Hier kommt also, mit großer Verspätung, die Wiedergutmachung der Bahn:"Wir verzichten zukünftig darauf, den Biorhythmus unserer Kunden mit unseren Pünktlichkeitsexzessen in Aufruhr zu versetzen, der Mittagszug kommt zukünftig immer, wenn die Sonne am höchsten steht, oder kurz davor oder danach..." Während ich noch dem Gedanken nachhing, wieviel Strom die Bahn sparen könnte, wenn sie ihre elektrischen Chronographen abschaltete oder, welch ästhetischer Gewinn, auf Sonnenuhren umstellte, ging es im Zug munter weiter. "Sehr geehrte Fahrgäste, wir befinden uns in der Anfahrt auf Fulda Hauptbahnhof*".

Personalaustausch zwischen Lufthansa und Bahn? Ein Komplott gegen die Sprache? Die Bahn und Dieter Bohlen in einer gemeinsamen Front? Ist die Übereinstimmung der Initialen vielleicht kein Zufall? Weit gefehlt: Unbemerkt sterben Sprachen und mit ihnen ganze Kulturen. Noch weniger bekannt ist allerdings, dass auch ständig neue Sprachen entstehen und mit ihnen ganz neue Wirklichkeiten. Ich glaube, dass die Bahn einen Weg aus ihren Schwierigkeiten gefunden hat: eine neue Sprache. Eine integrative, eine eklektische Sprache, was wichtig oder exotisch klingt, wird aufgenommen, gleich, ob es aus dem Englischen, dem Deutschen oder dem Klagolytischen stammt.

Nur je eine Gegenwarts- und eine Vergangenheitsform. Zukunft braucht es nicht, die ist schon da. Und der Irrealis, einigen als Konjunktiv II geläufig, würde nur die normative Kraft des Faktischen stören. Eine machtvolle Sprache, die übrigens bereits weit verbreitet ist, achten Sie z.B. mal darauf, wie Fußballspieler ihre Spiele analysieren. Man könnte diese neue Sprache Training nennen. Das Wort gibt’s schon? Das heißt etwas ganz anderes? Dann ist es perfekt.

*alle Namen, Abfahrtszeiten und Gleise geändert

JUSO steht für JUgendSünde - Oder?

„Soll ich, wenn ich mich bewerbe, meine Juso-Aktivitäten auch bei Organisationen ohne SPD-Affinität angeben, um mehr ehrenamtliches Engagement nachweisen zu können?“

Eine scheinbar einfache Frage. Und ich kenne viele Menschen, die spontan Nein! antworten würden. Aber… Die Frage hat ein Kaleidoskop von Aspekten, wir fangen mal mit dem Grundsätzlichsten an. Wenn ich Juso werde, dann doch wohl nicht, um ein Ehrenamt zu bekleiden oder Engagement zu beweisen, so abgeklärt oder sagen wir lieber: so zynisch kann Jugend doch gar nicht sein! Vor allem nicht bei den Jusos!

Dort will man doch erklärtermaßen etwas am Status Quo ändern. Ob man mit den politischen Zielen der Jusos einverstanden oder nicht, eine Mehrheit in Deutschland wird das wohl so sehen. Anders formuliert: diese Mehrheit wird dort politische Tätigkeit mit dem Schwerpunkt auf „politisch“ sehen, nicht neutral auf Engagement oder gar Ehrenamt.

Ist es also der richtige Rat, bei Institutionen oder Firmenchefs, die – vermutlich – nicht SPD-nah sind, auf die Erwähnung zu verzichten? Um nicht von den politischen Gegnern, die man natürlich mehrheitlich unter den Entscheidern in den Firmen vermutet, schon deshalb abgelehnt zu werden? Zunächst scheint es so. Schließlich will man eine Stelle oder mit Berthold Brecht: Erst kommt das Fressen, dann die Moral!

Mehr noch: Wenn einer erfolgreich durch die Institutionen marschieren will, das haben schon die 68er gewusst, darf die Institution mindestens anfangs nicht merken, dass da wer marschiert. Die Institutionen haben den 68ern allerdings auch gezeigt, dass wer die Trommel schlägt, den Takt vorgibt…

Aber auch ein Entscheider, der die Ziele der Jusos nicht per se ablehnt, liest „Juso“ und versteht: erheblicher Aufwand für politische Aktionen, Delegiertenkonferenzen, Partei- oder gar öffentliche Ämter und übersetzt für sein Unternehmen: Ausgefallene Arbeitszeit, Diskussionen in der Teeküche, Gründung eines Betriebsrates, Einladung der Gewerkschaften ins Unternehmen etc.

Natürlich würde er das nie laut sagen, das hat ihm schon der Gesetzgeber mit dem Allgemeinen Gleichbehandlungsgesetz verboten. Also, eigentlich hat er ihm die Diskriminierung aufgrund der Parteizugehörigkeit verboten, aber im Effekt ist es das Verbot, darüber zu reden und davon abgesehen: Wenn einer nur vermeiden will, dass sein Mitarbeiter viel fehlt, ist das ja noch keine Diskriminierung, oder?

Noch mehr Gründe also, die Juso-Arbeit erst einmal überhaupt nicht zu erwähnen, mindestens nicht in der Bewerbung? Tja, wenn die Welt so einfach wäre. Ich kenne ein paar Entscheider persönlich, die ganz konservative Unternehmen führen, von der Druckerei bis zum Stahlbauer, dabei einen 7er BMW oder gar S-Klasse Mercedes fahren und stolz auf ihr SPD-Parteibuch sind. Die zucken bei dem Wort „Juso“ nicht zusammen oder zurück. Sie sind aber auch zu schlau, jemanden einzustellen, nur weil er das richtige Parteibuch hat.

Und es gibt zunehmend Unternehmen, die erklärtermaßen nach allgemein-ethischen, nach calvinistischen Grundsätzen oder solchen der katholischen Soziallehre wirtschaften. Auch sie sind durch mehr oder weniger linkes Engagement nicht zu verstören. Aber andererseits gibt es genau in diesen Unternehmen Entscheider, die diese Grundsätze aus Opportunismus nach außen mittragen, aber einen Juso jederzeit stillschweigend ablehnen, solange es noch einigermaßen qualifizierte andere Bewerber gibt. (Merke: Wenn der Chef ein Linker ist, kann sein Personalleiter durchaus heimlich oder offen CDU-Sympathisant sein und umgekehrt!)

Um es auf einen einfacheren Nenner zu bringen: Die einfache Unterscheidung in SPD-affine und SPD-averse Institutionen bzw. Firmen führt in die Irre.

Drehen wir das Kaleidoskop: Es ist in einer demokratischen Gesellschaft sicher zumutbar, ja zuträglich, dass ich auch mit Menschen arbeite, die meine politischen Ansichten nicht teilen. Aber will ich wirklich mit oder gar für Menschen arbeiten, die mich nicht einstellen würden, kennten sie meine politischen Überzeugungen? Lebe ich dann nicht auf Dauer „im Untergrund“ mitten in der – doch eigentlich – offenen Gesellschaft?

Schauen wir für einen Augenblick mal in die andere Richtung: Wer sich politisch engagiert, der nimmt mindestens billigend in Kauf, dass er öffentlich sichtbar wird (von denen, die es nur darauf anlegen, wollen wir hier nicht sprechen). Ein einigermaßen profilierter Juso ist im Netz zu finden, Veröffentlichungen, Redebeiträge, Ämter etc. Die allgemeine Kultur des Misstrauens wird ja auch von denen befördert, die sich nicht zu sich und ihrer Stellung in der Welt bekennen: Wer also (aktiv!) bei den Jusos war oder sogar noch ist und das unterschlägt, wird sich, verschweigt er das und wird er bei einer einfachen Google-Abfrage gefunden, umso mehr dem Verdacht aussetzen, den Arbeitgeber unterwandern zu wollen.

Es ist also heute durchaus möglich, abgelehnt zu werden, nicht weil man die Mitgliedschaft bei den Jusos erwähnt, sondern weil man sie verschwiegen hat. Auch umgekehrt wird ein Problem daraus: Gebe ich an, aktiv bei den Jusos (gewesen) zu sein, um – siehe oben – mein Engagement zu beweisen und bin ich nicht zu finden, weil ich zwar Mitglied bin oder war, aber ohne Engagement, setze ich mich dem Verdacht aus, mich und meinen Einsatz größer zu machen als ich bin.

Ich weiß nicht, ob es aufgefallen ist: All das sind opportunistische Überlegungen. Mit Überzeugungen, mit Verhaltens- oder gar Gesinnungsethik, mit einer authentischen Persönlichkeit hat das alles wenig zu tun. Vielleicht sollte man solchen sentimentalen Überlegungen heute auch gar nicht zu lange nachhängen, die Zeiten sind wie sie sind – oder wie wir sie machen.

Gehen wir die Frage also ein letztes Mal an, diesmal pragmatisch unter der Überschrift „Relevanz“. 1. Frage: Ist mein Engagement bei Jusos für den zukünftigen Arbeitgeber relevant, weil sie meine Fähigkeit, die Stelle zu bekleiden positiv beeinflusst? 2. Frage: Ist mein Engagement bei den Jusos für mich relevant, weil ich auch zukünftig (vielleicht sogar in dieser Richtung) politisch tätig sein möchte und zeitlich und inhaltlich Spielräume brauche, um das tun zu können. Beantworte ich die Frage 1 mit „ja“, gibt es eine Anschlussfrage: Ist das für jeden (verständigen) Arbeitgeber offensichtlich? Kann man diese Anschlussfrage mit „Ja“ beantworten, reicht die bloße Erwähnung. Heißt die Antwort auf die Anschlussfrage „Nein“, muss eine kurze Erläuterung dazu, nicht als Belehrung sondern in Beispielen („habe ich die Bundeskonferenz am … weitgehend allein/als Leiterin des fünfköpfigen Organisationskomitees erfolgreich gestaltet“ oder ähnliches). Beantworte ich die Frage 1 (für den Arbeitgeber relevant?) mit „Nein“, die Frage 2 (für mich als Bewerber relevant) aber mit „Ja“, muss ich diese Tätigkeit ebenfalls erwähnen und dazu erläutern, wie ich mir meine Aktivitäten für die Zukunft vorstelle und was das für meine Berufstätigkeit heißt. Letzteres wird meine Chancen am Arbeitsmarkt auf die Arbeitgeber beschränken, die das akzeptieren oder gar positiv bewerten aber alles andere müsste mir eigentlich auch unerträglich sein.

Die Juso-Tätigkeit aber nur als Ausweis eines ehrenamtlichen Engagements zu nutzen, halte ich dagegen weder für opportun noch für gradlinig… Oh, und wenn die Tätigkeit bei den JUSOs für mich inzwischen tatsächlich unter „Jugendsünden“ fällt? Dann hat sie in der Bewerbung auch nichts verloren; werde ich im Gespräch darauf angesprochen, habe ich früh genug die Gelegenheit, mich dazu zu äußern. Und wenn ich so profiliert war, dass meine Tätigkeit im Internet einfach nicht zu übersehen ist? Dann kann ich diese Mitgliedschaft mit Anfangs- und Enddatum unkommentiert und ohne jede Hervorhebung im Lebenslauf unterbringen.

Ist der Ruf erst ruiniert...

 …lebt es sich ganz ungeniert?

Wo immer dieses geflügelte Wort zutrifft, in der Geschäftswelt bestimmt nicht. Man staunt, wie sich Diskussionsforen innerhalb der www-Social Media Plattformen – ursprünglich als Möglichkeit zum professionellen Austausch gedacht - innerhalb nur weniger Stunden in ein Schlachtfeld verwandeln.

Es wird verbal aufeinander geschossen, was die Tastaturen hergeben: aggressive Kommentare gehen in persönliche Anfeindungen über. Unterstellen wir einmal, dass jeder Teilnehmer mit nur besten Absichten in das Gespräch einsteigt, was passiert?

Im Grunde sind es wohl drei Faktoren, die zusammen wirken und die Eskalation bewirken.

 

  1. Für viele ist es immer noch ungewohnt, sich so an die Öffentlichkeit zu wagen und sich „gedruckt“ zu sehen. Die eigene Meinung wird durch die Veröffentlichung gewichtig. Mindestens so gewichtig wird jedoch die Gegenmeinung, die oft nur Sekunden später dagegen steht. Vielleicht von jemandem, der von der Sache mehr versteht – oder zu verstehen behauptet.
  2. Die Sprache in diesen Foren ist, schon wegen der Schnelligkeit des Austauschs (ich muss sofort antworten, wenn mir nicht ein anderer zuvorkommen soll) orthographisch und grammatisch nie fehlerfrei und stilistisch oft armselig, sie wirkt so schneller beleidigend, auch wenn nahezu jeder so schreibt.
  3. Die scheinbare Anonymität, die durch selbstgewählte Namen oder Abkürzungen entsteht, und die oft wie eine Rüstung wirkt (nicht selten findet man regelrechte Kampfnamen), lässt viele Umgangsregeln vergessen, die im nichtvirtuellen Alltag (noch) selbstverständlich sind.

Amüsant? Ja. Belanglos? Nein. Online bedeutet in Zeiten der fortschrittlichen Internettechnologien gleich On-life. Diskussionsbeiträge aus Online-Foren werden von den Robots und Suchmaschinen oft höher gerankt, als beispielsweise Unternehmens-Webseiten. So ist unter Umständen der „etwas“ unprofessionelle Kommentar innerhalb weniger Tage auf Platz 1 der Google-Suchergebnisse zu finden. Und hier ist Schluss mit lustig…

Stellen Sie sich vor, jemand möchte sich online über Sie informieren, vielleicht alte Schulkameraden, wahrscheinlicher jedoch ein potentieller Neukunde oder ein Arbeitgeber. Neben (wenn nicht sogar weit vor) Ihrer hochwertigen Firmenhomepage, sind nun die Kommentare und Beiträge der Online-Diskussionsforen gelistet, darunter auch das ein oder andere nicht so schöne Wort. Anders als die Zeitung von gestern landen Netzbeiträge nicht in der Papiertonne. Selbst löschen hilft ebenfalls nicht immer.

Auch das Pseudonym hilft nicht immer – wenn es überhaupt erlaubt ist. In vielen Foren und vor allem beim Business-Networking gelten Teilnahmebedingungen, die eine Mitgliedschaft nur unter Verwendung des echten Namens bestätigen. Und auch die Verwendung eines Pseudonyms garantiert Anonymität nicht. Oft reichen ein bisschen Zeit zum Stöbern und Datenpuzzeln via Suchmaschine und man findet die- oder denjenigen hinter dem erdachten Namen.

Also besser fernhalten von den Blogs und Diskussionsforen im Internet? Nein, denn die Möglichkeiten überwiegen die Gefahren bei weitem. Und Neues muss man für die Teilnahme eigentlich auch nicht lernen. Es reicht, wenn man sich an die hoffentlich schon zuhause und in der Schule gelernten Umgangsformen und Rechtschreibregeln hält.

Abgedroschene Phrasen in der Bewerbung

Alles was auch in einem Zeugnis stehen könnte, hat in einem Anschreiben nichts verloren. Erzählen Sie Ihre Geschichte(n) und stellen Sie sich keine Selbstbeurteilungen aus.

Wenn ein "innovativer Teamplayer" gefragt ist, kann das so aussehen: - "habe ich mit drei Kollegen im vergangenen Jahr ein neues Abrechnungssystem installiert - im geplanten Budget und deutlich schneller als vorgesehen" - "waren wir die Pilotgruppe für die Konzern-Mitarbeiterbefragung" - "war ich für die Auswahl des CRM am Markt verantwortlich und führte zwischen März und September 09 die Projektgruppe, die es erfolgreich implementierte" ...

Die Zahl der Geschichten ist mindestens zehnmal so groß, wie die Zahl der Bewerber, die Wahrscheinlichkeit, dabei nervige Floskeln zu verwenden, verschwindend klein.

Zweiter Tipp: Fragen Sie sich BEI JEDEM SATZ, ob Ihr Leser etwas erfährt, was er a) nicht wusste und b) wissen muss. Mir rollt es die Fußnägel auf (ja, schmerzhaft, wirklich), wenn ich zum hundersten Mal folgende Eröffnung lese:"Ihre Ausschreibung hat mein Interesse geweckt", nur um dann zum Schluss mit der Hoffnung verabschiedet zu werden, man habe mein Interesse geweckt. Wenn es vorher nicht schlief, spätestens dann ist es sanft entschlummert, dieses schlafsüchtige Interesse. Ich frage mich nach bald einem Vierteljahrhundert, in dem ich solche Sätze aufgedrückt bekam, wieso Menschen, die nie auf die Idee kämen, eine/n Fremde/n in einer Kneipe, einem Restaurant, Flughafen, Disco oder auch am Arbeitsplatz mit den Worten anzusprechen:"Hallo, ich bin xxx, Du hast mein Interesse geweckt.", es in Bewerbungsschreiben ungeniert tun. Und keiner dieser Interesse-weck-Sätze hat einen Wert für den Leser. Drittens: Nichts, was Sie nicht in den Mund nehmen würden, gehört auf Papier.

Es nützt nichts, abgedroschene durch neue Phrasen zu ersetzen, es bleiben Phrasen (übrigens auch wenn sie in einer Stellenausschreibung stehen, auch dort sind sie überflüssig und verführen Bewerber nur zum Phrasendreschen). Erzählen Sie vom Wetter, wenn Ihnen nichts einfällt, aber nichts von "tatkräftig" oder "resolut" oder was auch immer.

Was wäre es für eine Wohltat, wenn ein Anschreiben mal so losginge:"Sehr geehrte Frau Müller-Maier-Schulze, ich sitze vor meinem leeren Blatt, draußen regnet's und mir fällt einfach keine kluge Eröffnung ein. Wenn Sie freundlich darauf verzichten wollen, komme ich einfach gleich zur Sache: Seit nunmehr drei Jahren verantworte ich die Bilanz der Pfefferminzia und immer haben wir sie termingerecht abgegeben - was nicht so ganz einfach war, amerikanische Rechnungslegungsvorschriften, Kollegen, die zu Recht bis zur letzten Minute warten, ihre Zahlen zu liefern und ein sehr diversifiziertes Geschäft. Da macht es schon ein bisschen stolz, wenn das Testat der Wirtschaftsprüfer immer positiv ausfällt. Und jetzt? Jetzt geht der Blick nach vorne, lassen Sie uns bald mal drüber sprechen. Herzlichen Dank und Gruß, ...."

Viel zu flappsig? Verabschieden Sie sich vom Zerrbild des Personalers/Personalberaters, der nach Standards hungert, der Phrasen lesen bzw. dabei gar seine eigenen wieder reingedrückt bekommen möchte (obwohl es manchen Recht geschähe...).

Aber wenn Ihnen das zu gefährlich erscheint, dann schenke ich Ihnen zu Weihnachten einen meiner wenigen echten Tricks für Bewerbungsanschreiben: Lassen Sie grundsätzlich den ersten Satz weg, wenn Sie mit dem Anschreiben fertig sind, in 98% der Fälle ist der erste nur ein Floskelträger und beginnt der zweite mit den Informationen.

Aber vielleicht muss man es ja doch mal flappsig formulieren: Ein Anschreiben ist eine Anmache, um eine berufliche Beziehungskiste zu zimmern! Also mehr Mut, Finger weg von den Phrasen, die nur ein sehr abgegriffenes Geländer bilden, auf dem auch alle anderen ihre Pfoten haben.